Neu entdeckte christliche Randnotizen von 1521-23 in einer hebräischen Bomberg-Bibel

Foto: Stadt Überlingen, Abteilung Kultur

Um und nach 1500 lautete unter den Humanisten die Devise: "Ad Fontes" - zurück zu den Wurzeln. Zahlreiche Mönche und Bibelhumanisten des 16. Jahrhunderts hielten die offizielle Fassung der katholischen Bibel (Vulgata) für fehlerhaft und bemühten sich als klassische Philologen um eine möglichst getreue Rekonstruktion der ursprünglichen Bibeltexte, die freilich in Althebräisch verfasst worden waren – einer antiken Sprache, die als Alltagssprache wohl im 3. Jahrhundert ausstarb. So kam es, dass einzelne katholische Mönche Hebräisch studierten und die antike „veritas hebraica“ (hebräische Weisheit) verehrten, obwohl sie gleichzeitig dem Antijudaismus verpflichtet waren und oft auch nebenbei das Ziel verfolgten, die Juden ihrer Gegenwart zum Christentum zu bekehren.

In diesem Kontext erweist sich ein überraschender Neufund in der Leopold-Sophien-Bibliothek Überlingen als bedeutsam. Der Fund, der im nachfolgenden ersten Zwischenbericht vorgestellt wird, führt unter anderem zu folgenden Fragen:

Wie kommt es, dass ein katholischer Inquisitor die Gefahr auf sich nimmt, unter Ketzereiverdacht zu geraten?

Warum setzt sich dieser Inquisitor für das Studium und die Verbreitung einer hebräischen Bibel ein – im gleichen Jahr, in dem er den Auftrag erhält, in allen süddeutschen Ordensprovinzen der Franziskaner ketzerische Bücher verbrennen zu lassen (vor allem lutherische Schriften)?

Das Grundthema, das diesen Einzelfall umkreist, hat nie an Aktualität verloren. Denn auch heute beschäftigen sich nicht wenige Theologen und Laien mit der Frage: Welche Bibelfassung ist sozusagen die „richtige“ – die katholische Vulgata und deren Einheitsübersetzung, die Luther-Bibel der evangelischen Kirche oder die hebräische Bibel (Tanach)? Heute wie damals ist das eine unter Theologen diskutierte und ungelöste Frage. Zuletzt erschienen 2016 die aktualisierte katholische Einheitsübersetzung und 2017 die revidierte Luther-Bibel, die von der Evangelischen Kirche für den Gottesdienst empfohlen wird. Bereits 1979 war die neue lateinische Vulgata („Nova Vulgata“) der katholischen Kirche erschienen, 2001 ergänzt durch einen weiteren Band mit Instruktionen hierzu.

Die erste gedruckte hebräische Bibel, die nördlich der Alpen erschien, stammt aus dem Jahr 1534-35. Martin Luther und andere (vor allem auch katholische Vertreter) haben sie als eine Gefahr für den christlichen Glauben bezeichnet. Im gleichen Jahr (1534) erschien erstmals Luthers deutschsprachige Bibel, die selbst wiederum als ketzerisch angeprangert wurde und von der katholischen Kirche auch in der Folgezeit nicht akzeptiert wird.

Diese erste nordalpine hebräische Bibel wurde von dem ehemaligen franziskanischen Ordensbruder Sebastian Münster in Basel bei Frobenius gedruckt, zweibändig (hebräisch-lateinisch) und erschien bereits 1536 in einer zweiten Edition (nun ohne die lateinische Übersetzung). Sie war für humanistisch gebildete Christen gedacht, aber auch für konvertierungswillige Juden. Sie war jedoch nicht für den jüdischen Gebrauch bestimmt. Man muss unterscheiden zwischen hebräischen Bibeln für Juden und den hebräischen Bibeln für Christen. In allen Fällen umfassen hebräische Bibeln immer nur das Alte Testament. Die Unterschiede zwischen den christlich-hebräischen und den jüdisch-hebräischen Bibeln bestehen in der Auswahl und Anordnung der alttestamentarischen Bücher, in den philologischen Begrifflichkeiten der Textfassungen und im grundlegenden Verständnis der Bibeltexte des Alten Testaments.

Die erfolgreichsten hebräischen Bibeln waren die in Venedig gedruckten Bomberg-Bibeln. Die ersten Ausgaben waren für Christen bestimmt. Eine Edition aus dem Jahr 1521 ist die erste Druckfassung, die speziell für den jüdischen Gebrauch produziert wurde (telefonische Auskunft von Dr. Ittai Joseph Tamari, Leiter des Zentralarchivs zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland, Heidelberg).

Bei der nun erstmals untersuchten Überlinger Bibel handelt es sich um ein Exemplar aus eben dieser Edition von 1521, die sich an die Juden richtete. Das Besondere am Überlinger Exemplar ist, dass sich in dieser jüdischen Bibel christliche Eintragungen befinden (was sich auch inhaltlich anhand des handschriftlichen Inhaltsverzeichnisses nachweisen lässt). Ausgerechnet ein Franziskanermönch, der auf seinen Visitationsreisen die Klöster und ihre Bibliotheken kontrollierte und 1523 den Auftrag erhielt, als Inquisitor ketzerische Bücher verbrennen zu lassen, trug in diesem Einzelfall zum Studium und zur Verbreitung einer jüdischen Bibel bei. Bei diesem Mönch handelt es sich um Kaspar Schatzgeyer, ein im 16. Jahrhundert weithin bekannter Franziskaner und Luther-Gegner. Als theologischer und kirchenpolitischer Autor verfasste er vermutlich mehr als 50 gedruckte Schriften. Für die Forschungen rund um den Bibelhumanismus und die Hebraistik ist dies eine große Überraschung, denn der Name Schatzgeyer spielte in diesen Disziplinen bislang keine Rolle. Dabei hätte man längst das Augenmerk auf ihn richten können, denn auch in der Mainzer Universitätsbibliothek existiert eine hebräische Bibel mit einem handschriftlichen Vermerk, der die Haltung Schatzgeyers verdeutlicht: In der Mainzer Bibel, die einst im Besitz des Mainzer Franziskanerordens war, notierte Schatzgeyer eigenhändig in seiner Rolle als inquisitorischer Inspektor, dass diese hebräische Bibel nicht zerstört werden darf, sondern in der Mainzer Klosterbibliothek verbleiben soll.

Im Fall von Überlingen verhält es sich anders. Der Eintrag aus dem Jahr 1523 stammt nicht von Schatzgeyer selbst. Doch geht aus dem Eintrag hervor, dass Schatzgeyer diese mit zahlreichen handschriftlichen Anmerkungen versehene hebräische Bibel einem Humanisten namens Lytholacertus „zum Gebrauch“ überreicht.

Der Eintrag lautet folgendermaßen: „Ad hanc bibliam hebream dedit mihi H[…?] Lytholacerto utendi [Ausstreichungen] Caspar Schatzger in die Philippi et Jacobi apostolorum 1523 in quo die praedicto scriptum est hoc.“
In deutscher Übersetzung lautet der Eintrag folgendermaßen: „Diese hebräische Bibel übergab mir, H[…?] Lytholacertus, zum Gebrauch [Ausstreichungen] Kaspar Schatzg[ey]er am 1. Mai 1523, was am genannten Tag hiermit schriftlich festgehalten ist.“
„Schatzger“ ist eine verbreitete Schreibweise für Schatzgeyer. Die Gefahr einer Personenverwechslung kann in diesem Fall ausgeschlossen werden, zumal Schatzgeyer, über dessen Namen sich die Lutheraner lustig machten, ein extrem seltener Name ist.
 „Ad … utendi [=utendum]“ bedeutet unzweifelhaft „zum Gebrauch“: Was für eine Nutzung des Buches kann damit gemeint sein? Und von wem stammen die zahlreichen philologischen, textkritischen Randnotizen in diesem Buch, die in lateinischer, hebräischer sowie altgriechischer Sprache verfasst sind? Hierzu werden heute in aller Kürze zwei Thesen präsentiert. Es handelt sich hier um einen ersten Zwischenbericht aus einem laufenden Forschungsprojekt, das in den kommenden Monaten interdisziplinär ausgeweitet wird.

These 1: Die philologischen Randnotizen und Kommentare stammen weder von Schatzgeyer, der den Quellen nach kein Hebräisch beherrschte, noch von Lytholacertus, dem Empfänger der Bibel, da sich dessen Handschrift deutlich von der des Kommentators unterscheidet. Die Befunde am Buch legen zudem nahe, dass die Bibel bereits die Anmerkungen enthielt, als Schatzgeyer sie an Lytholacertus übergab. Die Randnotizen wurden demnach zwischen 1521 (Terminus post quem) und 1523 verfasst. Die Kommentare könnten indes von der Hand des bedeutenden Hebraisten und Franziskanermönchs Konrad Pellikan stammen. Pellikan war ein enger Freund Schatzgeyers und langjähriger Weggefährte auf dessen Visitationsreisen durch die franziskanischen Ordensprovinzen. 1523 fand laut Pellikans selbst verfasster „Hauschronik“ die letzte Begegnung der beiden Freunde statt. Pellikan war seit 1509 der Hebräischlehrer des bereits oben genannten Sebastian Münster. Pellikan und Münster veröffentlichten gemeinsam schon im Jahr 1516 einen kleinen Ausschnitt der hebräischen Bibel, nämlich das Buch der Psalmen. Es liegt nahe zu vermuten, dass beide schon damals die Vision hatten, irgendwann eine vollständige hebräische Bibel für Christen herauszugeben – ein großes und sehr kostspieliges Unternehmen, das Sebastian Münster schließlich 1534-35  alleine realisieren sollte.

Epilog: Die Freundschaft zwischen Schatzgeyer und Pellikan endete nach 1523 bewegt und schmerzensreich (s. Pellikans „Hauschronik“), weil Pellikan aus dem Franziskanerorden austrat und Lutheraner wurde, später als Universitätsprofessor Hebräisch lehrte.

These 2: Welcher Humanist verbirgt sich hinter dem latinisierten Pseudonym „Lytholacertus“? Es muss sich, wie damals üblich, um einen Namen handeln, der sich aus der Übersetzung erschließen lässt (wörtlich übersetzt: Stein-Kraft). Daher drängt sich rasch die Annahme auf, dass es sich hier um den damals jungen Augsburger Verleger und Drucker Heinrich Steiner handeln dürfte, mit dem Kaspar Schatzgeyer in jener Zeit in Kontakt trat, um einige seiner Schriften verlegen zu lassen. Tatsächlich verlegte Steiner in den Jahren 1525 bis 1526 insgesamt drei Schriften von Schatzgeyer. Man weiß, dass Heinrich Steiner unterschiedliche Latinisierungen seines Namens benutzte, doch bis auf die Variante „Siliceus“ sind seine übrigen Namensvarianten bisher noch nicht publiziert.

In der Addition lautet die Gesamtthese daher folgendermaßen: Schatzgeyer übergibt – auf Wunsch seines Freundes Pellikan – dem Verleger „zum Gebrauch“ die mit Pellikans Anmerkungen versehene Bomberg-Bibel, in der Hoffnung, dass sich der Verleger auf das wirtschaftlich riskante Projekt einlassen würde, eine vollständige hebräische Bibel zu drucken – als konkurrierende Reaktion auf die jüdischen Bibeln der Bomberg-Offizin in Venedig. Es war auch in Augsburg bekannt, welch großen wirtschaftlichen Erfolg Bomberg mit seinen hebräischen Bibeln erzielte. Heinrich Steiner wurde in den Folgejahren der produktivste und bedeutendste Augsburger Verleger vor allem klassischer Werke, doch ein hebräisches Opus hat er vermutlich nie herausgebracht. Aber auch das ist bis heute nicht geklärt.
 
Das weitere Schicksal der Überlinger Bomberg-Bibel kann bisher nur ansatzweise aus einem weiteren Besitzereintrag von anderer Hand auf der letzten Buchseite rekonstruiert werden. Dort lesen wir: „Comparavit mihi […]disstein hanc bibliam hebream frater meus Michael Endysstein aureo nummo uno et dimidiato scriptum est hoc sabbato ante dominicam nonam post pentecosten [15]2(?) […] scriptum est hoc.“ Ein Holzwurmfraßschaden hat diese Inschrift teilweise zerstört. Aus dieser Eintragung des 16. Jahrhunderts lässt sich jedoch unseres Erachtens schließen, dass diese Bibel vermutlich noch in den 1520er Jahren weiterverkauft wurde. Die Brüder Endysstein ließen sich bisher nicht identifizieren. Es könnte sich unter Umständen auch hier um ein Pseudonym handeln. Der Namensbestandteil „Endy“ könnte sich auf den griechischen Wortstamm „endy“ (endy-ein = eintauchen, eintreten) beziehen.

Ausblick: Das Endergebnis der laufenden Forschungen wird im Frühjahr 2021 publiziert, im Rahmen der geplanten Sonderausstellung zum Jubiläum „150 Jahre Städtische Sammlungen Überlingen“. Dort wird die hebräische Bibel zudem als Exponat besichtigt werden können.
Abschließend danken die Verfasser den Fachkolleg*innen Prof. Dr. Harald Derschka, Walter Liehner, Johannes Waldschütz M.A., Simone Wagner M.A., Fabian Hennig M.A. und Dr. Ittai Joseph Tamari für die fachliche Diskussion und Hilfe bei der Transkription der handschriftlichen Marginalien.
 
Text: Dr. Michael Brunner, Claudia Vogel, M.A., D.E.S.S. / Stadt Überlingen Abteilung Kultur