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Überlingen will mit Stadtwerk am See Energiewende schaffen 30.05.2012 


Energieversorgungs-Unternehmen wie die Swü sehen sich vielen neuen Herausforderungen gegenüber. Der Wettbewerb nimmt seit Beginn der Liberalisierung des Energie-Marktes weiter zu. Regional verankerte Energieversorgungs-Unternehmen und Stadtwerke gelten als Zukunftsmodell zur Sicherung der kommunalen Daseinsvorsorge. Außerdem leisten sie einen wichtigen Beitrag bei der Energiewende. Am vergangenen Mittwoch hat der Überlinger Gemeinderat den Grundsatzbeschluss zur Gründung des neuen Stadtwerks am See gefasst. Oberbürgermeisterin Sabine Becker, die auch Aufsichtsratsvorsitzende der Swü ist, erklärt die Vorteile der Neugründung aus Überlinger Sicht.
 
Frage: Ist die Neugründung des Stadtwerks am See eine Neugründung aus der Not heraus?

Sabine Becker: Seit Ende vergangenen Jahres arbeiten wir, die Stadtwerke Überlingen (Swü) und die Technischen Werke Friedrichshafen (TWF), an der Neugründung eines gemeinsamen Stadtwerks. Die Entscheidung, das neue Stadtwerk am See zu gründen, ist eine Entscheidung, die wir getroffen haben, um uns gemeinsam breiter für die Zukunft aufzustellen. Beide Gesellschaften, die Swü und die TWF, schreiben gute Zahlen.
 
Frage: Wieso arbeitet die Swü nicht einfach so wie bisher erfolgreich weiter?

Sabine Becker: Der Energiemarkt ist komplizierter und die Anforderungen an die Energieversorger sind besonders bei der Regulierung größer geworden. Die Stadtwerke sehen sich zum Beispiel beim Strom neuen Wettbewerbern gegenüber.
Die neuen Stadtwerke am See können mit neuen Produkten und Dienstleistungen wachsen, haben bessere Chancen im Wettbewerb um Konzessionen in der Region, können Kräfte bündeln und in vielen Bereichen effizienter arbeiten. Ich denke dabei an die Energiebeschaffung, den Materialeinkauf, den Systembetrieb und die Bewerbung von Produkten.
Die Swü, die eine 100-prozentige Tochter der Stadt Überlingen ist, hätte mehr Personal einstellen müssen. Gute Mitarbeiter zu finden, ist nicht einfach. Aufgrund des Fachkräftemangels wird es immer schwieriger, qualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen. Gut ausgebildete Frauen und Männer entscheiden sich, wenn sie die Wahl haben, heute lieber für ein größeres Unternehmen. Die Swü wäre auf Dauer zu klein gewesen, um ein attraktiver Arbeitgeber zu sein.
 
Frage: Welche finanziellen Vorteile hat die Stadt Überlingen durch die Neugründung?

Sabine Becker:
Das neue Stadtwerk am See gründen wir, um aus einer Position der Stärke heraus noch stärker zu werden. Bei gleichbleibender Geschäftslage rechnen wir damit, dass uns das Stadtwerk am See, an dem wir einen Anteil von 24,4 Prozent halten, im Vergleich zur Swü jährlich eine halbe Million Euro mehr an Überschuss erwirtschaftet. Die geplanten Jahresüberschüsse des Stadtwerks am See liegen in den Geschäftsjahren 2012 bis 2016 zwischen 6 und 12 Millionen Euro.
 
Frage: Welche Rolle spielen kommunale Stadtwerke bei der Energiewende?

Sabine Becker: Wir sind davon überzeugt, dass das Land die Energiewende nur zusammen mit Kommunen und kommunalen Stadtwerken vollziehen kann. Die Landesregierung hat angekündigt, dass sie bis zum Jahr 2020 etwa zehn Prozent des Stroms aus Windkraft gewinnen will. Das heißt, dass in acht Jahren 1200 Windräder gebaut werden müssen. Die Swü hat sich an der neu zu gründenden Windkraftprojektgesellschaft Bodensee Oberschwaben GmbH & Co. KG (WKBO) mit einem Anteil von 12,5 Prozent beteiligt. Die Region will bis bis 2020 die Hälfte der benötigten Energie aus regenerativen Energien lokal erwirtschaften.
Wenn regionale Investoren Windenergieanlagen bauen, bleibt die Wertschöpfung vor Ort. Bürger können in erneuerbare Energie investieren. Bei der Solarenergie funktioniert das bereits. Auf dem Rengo-Hof, dem Helchenhof und den Swü gibt es schon Bürgersolardächer.
Überlingen ist wie auch Friedrichshafen Mitglied der 2000-Watt-Gesellschaft. Gemeinsam möchten die Städte in interkommunaler Zusammenarbeit und auch mit dem Engagement der Stadtwerke Klimaschutzziele erreichen. Das Fernziel ist der energieautarke Bodensee. Um all das zu schaffen, brauchen wir ein starkes Stadtwerk am See. Jede Kommune ist eingeladen, sich am Stadtwerk am See zu beteiligen.
 
Frage: Was passiert mit den Arbeitsplätzen der Swü-Mitarbeiter?

Sabine Becker:
Alle Arbeitsplätze bleiben erhalten. Die Swü ist im Moment sehr schlank, sie hätte Personal einstellen müssen. Die TWF hätte sich etwas verschlanken müssen. Die Mitarbeiter der beiden Unternehmen sehen die Neugründung positiv. Am Donnerstag vergangener Woche haben wir alle 600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Swü und TWF zu einem Grillfest zum besseren Kennenlernen nach Hagnau eingeladen. Mit dem Stadtwerk am See haben wir die Voraussetzung dafür geschaffen, die Arbeitsplätze auf lange Sicht zu sichern und die Wertschöpfung in der Region zu halten.
 
Frage: Ist Überlingen bei der Gewerbesteuer der Verlierer?

Sabine Becker:
Bei der Aufteilung der Gewerbesteuer haben wir eine Regelung gefunden, von der Überlingen profitiert. Die gesetzliche Regelung würde so aussehen, dass die Gewerbesteuer entsprechend der Anzahl der Arbeitsplätze in Friedrichshafen und Überlingen aufgeteilt würde. Bei der Sparkasse Bodensee ist das so passiert. Überlingen hat dabei verloren, weil die meisten Arbeitsplätze in Konstanz und Friedrichshafen geschaffen worden sind. Beim Stadtwerk am See erfolgt die Aufteilung unabhängig von den Arbeitsplätzen entsprechend der Beteiligung am Unternehmen. Das Stadtwerk zahlt also 24,4 Prozent seiner Gewerbesteuer in Überlingen.
 
Frage:
Welche Mitspracherechte hat Überlingen in Zukunft?

Sabine Becker:
Gesichert ist, dass keine Entscheidungen über die Köpfe der Überlinger hinweg getroffen werden. Obwohl wir nur mit 24,4 Prozent am Stadtwerk beteiligt sind, haben wir die Sperrminorität von 25,1 Prozent. Diese Sperrminorität bleibt uns erhalten, solange wir mindestens 15 Prozent am Stadtwerk am See halten. Ein Viertel der Aufsichtsräte, also drei, kommen aus Überlingen.
 
Frage: Welche Auswirkungen hat die Neugründung für Kunden?

Sabine Becker:
Für die Kunden der Swü ändert sich durch die Neugründung nichts. Sie profitieren sogar von einem besseren Produktportfolio und einem erweiterten Service. Tarife und Ansprechpartner und damit die Nähe zu den Bürgern bleibt erhalten. Die Aufgabe des neuen Stadtwerks ist die Daseinsvorsorge. Zu den Geschäftsfeldern gehören Strom, Erdgas, Wasser und Fernwärme sowie schnelles Internet. Auch E-Mobilität gehört zu den Aktivitäten. Die Überlinger Parkhäuser gehen nicht ins neue Stadtwerk am See über, sondern bleiben bei der Swü. In Zukunft könnte die Swü, die wir wegen der Verwechslungsgefahr voraussichtlich umbenennen werden, auch für den Stadtverkehr zuständig sein. Ähnlich ist es in Friedrichshafen, wo die TWF erhalten bleiben.
 
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